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Die Geschichte der heutigen Müli und Mülligen

Die Geschichte Mülligens ist engstens mit seinen Mühlen verflochten. Schon die erste schriftliche Erwähnung des Dorfes 1273 betrifft Konrad, den Müller von Mülligen. Von den Mühlen hat die Gemeinde ihren Namen, und sie führt denn auch das Mühlrad in ihrem Wappen.


Die bis in die Frühe Neuzeit gebräuchliche Bezeichnung «Mülinen» für Mülligen macht deutlich, dass hier seit dem Mittelalter mehrere Mühlen betrieben wurden. Dies bestätigen tatsächlich sämtliche schriftlichen Dokumente.

Wie die meisten an einem Fluss stehenden Mühlen, etwa die Lindmühle bei Birmenstorf oder die Brunnenmühle bei Brugg, wurde auch jene zu Mülligen nicht vom vorbei strömenden Wasser angetrieben. Dies hätte hohe Investitionen für Wehrbauten erfordert und grosse Unterhaltskosten wegen häufiger Hochwasser verursacht. Die erwähnten Mühlen nutzten vielmehr Seitengewässer, die dort in den Fluss einmündenden. In Mülligen handelte es sich um besonders reiche Grundwasserquellen.

Das angrenzende Birrfeld bildet nämlich geologisch einen Kessel, dessen Wände und Untergrund aus Kalk und Molasse bestehen und der mit Kies gefüllt und mit Lehmschichten durchsetzt ist. Die Unmengen an Regenwasser, die auf die etwa zehn Quadratkilometer messende Fläche fallen, werden nicht etwa in einem Bach abgeführt, sondern versickern durch den Kies ins Grundwasser. Die Lehmschichten bewirken dabei, dass der grössere Teil der Grundwasserströme gegen Mülligen fliesst und dort in der Form von Quellen austritt.48 Diese fast unerschöpflich scheinenden Wasservorräte entdeckte man schon im Mittelalter, und man machte sich das vorhandene Gefälle zum Antrieb von Wasserrädern nutzbar.

Die ältesten detaillierten Beschreibungen der Mülliger Mühlen stammen aus dem 17. jahrhundert. Sie unterscheiden zwischen einer oberen und einer unteren Mühle mit insgesamt vier Mahlwerken sowie einer Knochenstampfe und einer Reibe zur Verarbeitung von Hanf und Flachs. Initiative Müller erweiterten den Betrieb in der folgenden Zeit: Im 19. jahrhundert liefen in der unteren, am Wohnhaus angebauten, zweistöckigen Mühle ein
Haupt und ein sogenanntes Rönnlerrad für drei Mahlwerke und eine Frucht Putzerei, ebenso für die Hanfreibe in dem nebenstehende Häuschen. ln der oberen, einstöckigen Mühle (ungefähr am Platz der nachmaligen Gartenwirtschaft) trieb ein Wasserrad ebenfalls drei Mahlwerke sowie eine «Griesstäube und eine Fruchtputzerei an. Im Osten war eine Öltrotte mit eigenem Wasserrad angebaut, wo aus Raps, Mohn und Nüssen Öl gewonnen wurde. Westlich der Öle lief ab 1800 eine mechanische Dreschmaschine, die 1886 durch eine Lohfräse ersetzt wurde: die Letztere mahlte Eichenrinde, welche die Gerber zur Verarbeitung Von Tierhäuten zu Leder benötigten. Die oberschlächtigen (von oben angetriebenen) Wasserräder hatten einen Durchmesser zwischen 4,20 und 5,24 m und eine Breite von 0,56 bis 1,0 m. Von drei Seiten sicherten Kännel den Zufluss von genügend Quellwasser. 1886 berechnete eine Expertise die Leistungskraft der drei wasserräder auf insgesamt 26,86 Pferdestärken (PS)


Zum ganzen Mühlenbetrieb gehörte nebst dem imposanten, dreistöckigen Wohnhaus eine weiter östlich stehende Scheune mit Tenne, zwei Ställen, Wagenschopf und Schopf. In einem der Ställe standen die 1794 erwähnten sieben Pferde, im andern drei Kühe und zwei Kälber. Für die damals 18 Schweine befand sich bei der Öle ein eigener Verschlag. Die Scheune wurde 1856 durch eine neue ersetzt. Das vielfältige Unternehmen erforderte stets die Beschäftigung von Mahlknechten, Karrern und Dienstmägden.

Besonders interessant sind die Eigentumsverhältnisse an diesen Mühlen: Vom ersten schriftlich erwähnten Müller Konrad ist zwar nicht einmal bekannt, zu welcher Familie er gehörte. Der betreffende Eintrag lautet
«C molendinator de Mulinon», auf Deutsch «K[onrad], der Müller von Mülligen», woraus sich kaum ein Zusammenhang mit dem Rittergeschlecht von Mülinen konstruieren lässt. Bei einer Urkunde von 1321, nach welcher Ludwig und Johann von Mülinen ihrem Bruder Konrad ihre Mühle verkauften, «die da ze Molinen lit», sprechen die Indizien dafür, dass sie gar nicht die Mülliger Mühle betrifft, sondern eher eine solche im niederösterreichischen Mühling.

Sicheren historischen Boden betreten wir erst dank den Unterlagen im Archiv des Klosters Königsfelden: Um 1400 gehörte die Mühle einer Familie Stapfer in Brugg. 1427 hiessen die Besitzer Uli Stapfer und dessen Schwager Heini Fischer. Sie verkauften den Betrieb damals dem Müller Hensli Huber von Staretschwil gegen eine jahresrente im Geldwert von jährlich 14 Mütt Kernen (gerellter Dinkel); ausserdem musste er den Gegenwert von 2 Mütt Roggen alljährlich der Stiftung des heiligen Antonius, des Patrons der Armen, in Brugg spenden.

Huber und seine Erben veräusserten die Mühle 1455 dem Frauenkloster Königsfelden. Ausserdem erwarben die Normen Teile der erwähnten Rente der Familie Stapfer. Sie übergaben den Betrieb professionellen Müllern, wiederum gegen eine jährliche Rente, nun für 16 Mütt Kernen; dazu kam immer noch der Zins an die Antonius-Stiftung in Brugg. Im betreffenden Vertrag machten die Klosterfrauen einen interessanten Vorbehalt: Ihre eigene Mühle stand damals an der Aare; sollte diese durch Feuer oder Hochwasser untergehen, durfte der Klostermüller in der oberen Mülliger Mühle das Getreide für die Selbstversorgung des Klosters mahlen, nicht aber für Kunden! Vermutlich wurde dieser Vorbehalt nie wirksam. Das Kloster liess nämlich in der Nähe eine eigene Mühle errichten, die vom Wasser aus der einstigen Römerleitung angetrieben wurde

Ab 1483 hiess der Mülliger Müller Konrad Sädelmann. Er hatte den Betrieb in der damals gebräuchlichen Rechtsform eines «Erblehens» empfangen. Sädelmann konnte die Mühle seinen Nachkommen oder anderen Verwandten vererben; damit war sie faktisch sein Eigentum. Wenn er und seine Nachfolger den Zins regelmässig entrichteten und auch alle andern Bedingungen erfüllten, konnte Königsfelden sie nicht kündigen. Ein Besitzerwechsel erforderte lediglich die Meldung im Kloster, das den neuen Müller als Zinser registrierte.

Von 1535 an sind alle Inhaber der Mühle lückenlos bekannt. Damals hiess er Hans Meyer aus einem alten Mülliger Geschlecht. In der Folge ging sie über den gleichnamigen Sohn Hans und den Enkel Hans Ulrich auf den Urenkel Rudolf Meyer über. Dieser hat vielleicht das schöne Wohnhaus am Fluss mit dem Treppengiebel und den gotischen Fenstern erbaut. Jedenfalls war er stark verschuldet, weshalb er 1653 den ganzen Betrieb dem damaligen Landvogt von Königsfelden,]unker Wolfgang von Mülinen, für 5500 Gulden verkaufte. Meyer blieb jedoch noch etwa zehn jahre lang als Pächter in Mülligen, bevor er auf die Brunnenmühle bei Brugg wechselte.

Nach Rudolf Meyer löste ein Pächter den andern auf der Mühle ab: Zuerst folgte Konrad Vogt, dann Heinrich Abegg von Rüschlikon, Heinrich Hottinger und schliesslich Uli Meyer, vielleicht ein Nachkomme Rudolfs. Im Oktober 1711 verkaufte der Junker Bartholomäus von May «Mitherr zu Rued und Schöftland. gewesener Landvogt zu Interlaken», die beiden Mühlen samt Gebäuden, Vieh und dem ganzen Zubehör dem Samuel Bolliger, Müller zu Lenzburg. einem Untertanen von Mays aus Rued. Der Preis betrug 10550 Gulden.60 Doch Bolliger blieb nicht lange. Schon im januar 1717 veräusserte er den ganzen Komplex an Hans Rudolf Rüegger, Müller in der Lindmühle bei Birmenstorf, und zwar für 12000 Gulden, also mit einem ansehnlichen Gewinn.

Die Mühle blieb nun für 67 Jahre im Besitz der Familie Rüegger. Diese erwarb das Mülliger Bürgerrecht und genoss hier bald grosses Ansehen. Bereits Hans Rudolfs Sohn Hans Jakob I (T 1762) vertrat die Gemeinde im Gericht Königsfelden und im Chorgericht Windisch, ebenso sein Enkel Hans Jakob II (1743-1782). Beide führten den Mühlenbetrieb fort. Ein zweiter Sohn Hans Rudolfs, Abraham, arbeitete als Notar in Langenthal, ein dritter, Albrecht (1718-1793), heiratete eine wohlhabende Witwe und galt am Ende seines Lebens als reichster Mülliger. Doch die Rüegger auf der Mühle standen finanziell nicht gut. Schon Hans Rudolf hatte den Kauf nur mit einem Darlehen von 7500 Gulden finanzieren können, eine Schuld, die nie abbezahlt wurde. 1744 kam eine solche von 300 Gulden dazu. Nach dem Tode von Hans Jakob I übernahm dessen Witwe Barbara Ringier aus Zofingen den Betrieb, da der Sohn noch nicht volljährig war. Nach einigen jahren musste sie ein weiteres Darlehen von 2000 Gulden aufnehmen. 1771 folgte Hansjakob 11, doch war die finanzielle Basis bereits so schmal, dass er von seinem Schwiegervater Samuel Schwarz einen Erbvorbezug benötigte. Das Nettovermögen betrug noch ganze 1760 Gulden. Die Hälfte davon musste er seiner einzigen Schwester auszahlen.“

In seinem Privatleben war Hansjakob Rüegger II (1743-1782) sehr unglücklich. Seine erste Frau, Susanna Müller aus der Lindmühle, starb 1771 28-jährig und hinterliess ihm drei kleine Kinder. Dann heiratete er Anna Schwarz aus der Mühle Remigen, die vier Mädchen zur Welt brachte und 1781 31-jährig einem «hitzigen Fieber» erlag. Ein jahr zuvor hatte auch Mutter Barbara das Zeitliche gesegnet. Das Mass des Unglücks wurde voll, als Hansjakob II selbst einen Schlaganfall erlitt und 1782 mit 39 jahren verschied.

Nun blieben sieben Vollwaisen im Alter von drei bis sechzehn jahren zurück. Sie erhielten zwei ausserfamiliäre Vögte (Vormünder), die das Inventar aufnehmen liessen. Die Bilanz fiel katastrophal aus. Die Hinterlassenschaft befand sich «in einem verwirrten, zerrütteten und sehr schlechten Zustand». Um den Konkurs zu vermeiden, sah Rüeggers Schwiegervater, der reiche alt Müller Samuel Schwarz II (1720-1789) in Remigen, keine andere Möglichkeit, als sein eigenes Guthaben zu streichen und die Mühle samt allen Aktiven und Passiven zuhanden seiner Erben zu übernehmen. Diese traten sie 1786 dem Sohn Samuel Schwarz II (1760-1813) ab, der zusammen mit dem Vater und seiner eigenen Familie -in Mülligen Wohnsitz nahm. Die Waisen blieben zum Teil in der Mühle, bis sie volljährig waren. Finanziell blieb ihnen nichts als ihr Muttergut. Auf der Mülliger Mühle begann nun die Ära Schwarz. Der junge Samuel II erneuerte das Wohnhaus sogleich. Davon zeugen noch heute verschiedene Erinnerungszeichen: Im Untergeschoss trägt eine Türe die Inschrift «17 SA . SHW 87» (Samuel Schwarz). In der Stube ist ein Feld an der Holzdecke mit Intarsien geschmückt, einem Mühlrad, einem Stern und der Beschriftung

SA SW / VE LA (Samuel Schwarz Verena Läuchli). 1813 trat Samuel Schwarz III (1785-1868) den Mühlenbetrieb an. Von ihm stammte vermutlich der prächtige Giebelofen im Spät-Empire-Stil, der in der süd Östlichen Stube stand. Im gleichen jahr erwarb Samuel III das Bürgerrecht von Mülligen; er stieg bald zum Gemeinderat und Gemeindeammann auf. Als sich zeigte, dass keiner der Söhne den Betrieb weiterführen wollte, verkaufte Samuel Schwarz III die Mühle 1848 den Gebrüdern Bächler von Starrkirch SO. Von diesen ging sie 1850 in einer konkursamtlichen Steigerung an jakob Hoppeler 1854 an dessen Vater Heinrich Hoppeler-Graf und von dessen Witwe 1881 erstmals wieder an einen «Ur-Mülliger», den Kaufmann Gottlieb Baumann, der sie aber bereits 1883 dem Müller Karl Hirt (1843-1903) veräusserte.

Hirt, selbst Müllerssohn aus Stilli, war ein äusserst origineller, intelligenter, rede und schreibgewandter Typ. Zweimal war er nach Amerika ausgewandert, aber immer wieder zurückgekehrt. Doch das ersehnte Glück lachte ihm weder dort noch hier. Sein Schicksal erinnert stark an jenes seines Vorgängers, des oben erwähnten Hans Jakob Rüegger II. Seine Gattin gebar in der Mühle drei Kinder, starb aber nach der Geburt des dritten. Er selbst litt an Gelenkrheumatismus. Hirt hatte die Mühle für 47 000 Franken viel zu teuer gekauft, aber nur 12 000 Franken anzahlen können. Die Abzahlungen an die Aargauische Bank erfolgten nicht im vereinbarten Rahmen. Dabei waren die Gebäude unter Hoppeler vernachlässigt worden und hätten dringende Investitionen erfordert. Die Bank betrieb Karl Hirt in der Folge auf Konkurs und konnte das ganze Unternehmen 1891 für lediglich 26000 Franken ersteigern. Damit hatte Hirt alles verloren. Die Kinder kamen zu Verwandten; zwei von ihnen wanderten ebenfalls nach Amerika aus, wo Nachkommen noch leben. Hirt starb verarmt und pflegebedürftig in Aarau. Die Aargauische Bank setzte die Mühle noch im gleichen jahr an den Windischer Altstoffhändler Samuel Dätwiler ab. Wie stark die ganze Anlage in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden war, belegen die Schätzungen des Aargauischen Versicherungsamtes. Hatten alle Gebäude zusammen 1875 noch 58000 Franken gegolten, sank ihr geschätzter Wert bis 1881 auf 38 000, bis 1891 gar auf 15000 Franken.

Dätwiler nahm nun bauliche und technische Verbesserungen vor. Die obere Mühle wandelte er in eine Knochenstampfe um, die mit einem Petrol Motor betrieben wurde. In der unteren Mühle liess er das alte Mahlwerk sowie die Wasserräder entfernen und baute eine ganz neue Mahl Einrichtung mit Turbinen ein. Doch auch er musste das Unternehmen 1895 mit Verlust weiterverkaufen, und zwar an Emil Gall von Hirschthal.

Gall sollte der letzte Mülliger Müller sein. Bereits 1897 erwarb die Einwohnergemeinde Windisch die Liegenschaft. Sie wollte damals eine moderne Wasserversorgung mit Hauszuleitungen bauen und war lediglich an den reichen Quellen interessiert. Gall konnte daher als Pächter auf der Mühle bleiben. 1914 musste der Betrieb jedoch eingestellt werden. Die Einrichtung galt offenbar bereits für Die Einrichtung galt offenbar bereits für veraltet. Sie erfüllte die Vorschriften in Bezug auf die Mehlausbeute nicht, welche der Staat im Zusammenhang mit der kriegsbedingten Rationierung aufstellte.

Ende 1928 wurde die Mühleneinrichtung abmontiert und m den Kanton Luzern verkauft.

Seither fehlt dem Dorf Mülligen das «Urgewerbe», das seinen Anfang und seine Geschichte während Jahrhunderten geprägt hat.

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